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CIRCUS
THE BLOGGERS' BOOKAZINE

Teller Magazine
Teller Magazine

Die Geschichte geht weiter

von Rebecca Sandbichler · geschrieben am 19. Februar 2011 · read this article in English

Bisher musste mir Teilzeit-Berliner Flo immer die Magazine meiner Wahl aus dem bestens sortierten do you read me?!-Laden mitbringen. Vor kurzem habe ich endlich mal selbst dahin geschafft und mir gleich mehrere tolle Heftchen eingepackt. Darunter auch Teller – ein Magazin, das sich ganz dem Erzählen verschrieben hat. Sei es nun fotografisch, poetisch, prosaisch oder klassisch journalistisch.

An dieser Stelle muss ein kleiner Seitenhieb an andere „Indie”-Magazine ausgeteilt werden (CIRCUS ist ja bekanntlich ein Bookazine): Erzählen können sollten sie alle, die wenigsten tun es. Stattdessen gibt es entweder Infohäppchen mit hübschen Bildchen hier und dort – oder langatmige Bleiwüsten, die dem Autor schmeicheln sollen, aber den Leser narkotisieren. An intelligente und unterhaltsame Geschichten wagen sich nicht sehr viele.

Teller hingegen ist eine reich beladene Lese-Festtafel, hat auch kurze Erzählungen zu bieten und ist an vielen Stellen angenehm humorvoll. Trotzdem ist es nie oberflächlich und geht tiefer als die üblichen zusammengewürfelten Hefte, bestehend aus geistigen Ergüssen besonders „inspirierter”, „kreativer“ Menschen: Hier entsteht Kunst nebenbei; den Inhalten geschuldet und nicht, um „Kunst“ draufschreiben zu können. Besonders gefallen hat mir „The best story I ever heard at a party“ von Crispin Dowler – die wie eine „urban legend“ klingt, aber fast zu abenteuerlich ist, um erfunden zu sein. Und die Text-Foto-Strecke von Nina Mangalanayagam, die den Leser auf ein tamilisches Familienfest mitnimmt.

Wie ihr merkt, bin ich begeistert von diesem Magazin und war daher seh erfreut, dass die Redaktion bereits die zweite Ausgabe plant. Allerdings braucht sie dafür die Unterstützung ihrer Leser. Das Team um die Berliner Redakteurin Ruby Russel sammelt – wie CIRCUS – Vorbestellungen auf der Crowd-Funding-Website kickstarter.com. Sie haben sich einige tolle Dankesgaben überlegt – zum Beispiel Originalprints von einer Fotostrecke in Ausgabe #1.

Und weil ich so begeistert bin, wollte ich noch ein wenig mehr erfahren. Ich habe Ruby gefragt, woher Teller seine Geschichten hat, was es mit den Tieren darin auf sich hat und welche Erzählung ihr besonders am Herzen liegt.

Teller wurde von Trolley Books verlegt. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Trolley veröffentlicht vor allem Kunst- und Fotografiebücher. Ihr Anspruch kommt dem unseren sehr nahe: Sie konzentrieren sich auf Geschichten, die erzählt werden müssen, und achten weniger auf das kommerzielle Potenzial eines Projekts. Mit Trolley zu arbeiten hat Teller einem viel größerem Publikum näher gebracht und wir konnten sehr vom Ansehen und der Erfahrung des Verlags profitieren.

Die Produktion spielte sich vorwiegend in London und Berlin ab. Wie habt ihr die Zusammenarbeit mit den Designern von Neue Gestaltung organisiert?
Nach unserem ersten Treffen mit Neue Gestaltung war mir und meiner Kollegin Katherine Hunt sofort klar, dass dieses Team eine wichtige Rolle in der Entwicklung des ganzen Magazin-Konzepts spielen würde. Ich lebe in Berlin, Katherine in London – sie kommt aber regelmäßig her. Wenn wir uns nicht alle treffen können, ist Katherine via Skype dabei. Mit diesen Leuten zu arbeiten war eine tolle Erfahrung und eine gute Lehre für uns, wir sehen Anna Bühler und Pit Stenkhoff (das Team von Neue Gestaltung, Anm. d. Red.) als ebenbürtige Partner der Teller-Redaktion an.

Wie habt ihr die Themen der ersten Ausgabe ausgewählt? Waren es Texte, die eure Freunde schon geschrieben hatten?
Manche der Autoren waren Freunde, ja. Andere haben wir angeschriebene, manche Stücke haben wir woanders aufgespürt. Wir sind sehr dankbar, dass so viele es mit uns und der ersten Ausgabe gewagt haben und Teller zu etwas machten, auf das wir sehr stolz sind.

Es wirkt fast so als hättet ihr die zweite Ausgabe schon fast fertig. Wie schnell wird sie denn produziert sein, wenn ihr erstmal bei Kickstarter erfolgreich wart?
Das Layout ist schon fast fertig. Das Magazin sollte bis Ende Mai in den Läden sein. Wir sind wirklich begeistert von Kickstarter – es ist eine tolle Möglichkeit, Projekte aus dem Boden zu stampfen und wir sind sehr optimistisch, dass wir unser Ziel dort erreichen können. Die Vorbestellungen sind sehr wichtig für uns, damit wir die gesamten Verkaufs-Einnahmen in die Produktion stecken können. Da waren auch die Autoren und Fotografen ausgesprochen generös, indem sie uns signierte Bücher und Prints als „Rewards“ zur Verfügung gestellt haben.

Habt ihr etwa schon die Themen der dritten Ausgabe parat?
Ziemlich. Wir haben einige Geschichten schon in der Tasche, beziehungsweise in der näheren Auswahl und wir sammeln bereits einen Haufen Material zusammen. Entweder sind das bereits fertige Geschichten, die nur noch veröffentlicht werden müssen oder es sind Texte im Entstehen, die wir sehr genau beobachten. Weil wir einen Mix an sehr verschiedenen Sachen veröffentlichen, haben wir einige Texte, die zwar brilliant sind, aber leider bisher nicht verwendet werden konnten, weil wir sie nicht richtig in Beziehung zu den anderen Geschichten setzen konnten.

War Teller ursprünglich als profitables Magazin angelegt?
Nein, ganz und gar nicht. Unser erstes Ziel war es, das Magazin auf jeden Fall veröffentlichen zu können. Das zweite ist, dass wir es zumindest selbsttragend machen wollen. Wenn wir das erreichen, dann werden wir darüber nachdenken, wie wir damit noch ein wenig Taschengeld für uns und die Autoren herausholen können. Profit? Daran denken wir noch lange nicht.

Habt ihr einen Alternativplan zu Kickstarter?
Wir haben ein paar Ideen, aber noch nichts Konkretes.

Würde Teller irgendwann durch Werbung finanziert werden?
Wir schließen das nicht aus. Wir haben nicht wirklich vor, Anzeigen zu verkaufen, würden aber die Möglichkeit nutzen, mit einigen ausgewählten Sponsoren zu arbeiten.

Hast du eine Lieblings-Geschichte in der ersten Ausgabe?
Das ist wirklich unmöglich. Aber, wenn ich eine auswählen müssten, dann wären das Charles Trotters Bilder aus dem Kenia der 50er Jahre. Sie sind wirklich außergewöhnlich und es war so großartig, sie zu entdecken und diese wichtigen Fotografien publik zu machen, die bisher kaum jemand gesehen hat.

Eure Geschichten sind nicht wirklich kategorisiert, aber sie passen sehr gut zueinander. Hattet ihr eine Art Grundthema, wie ihr es für die zweite Ausgabe plant?
Nein, wir hatten kein Thema. In der ersten Ausgabe ging es nur darum, zu definieren, welche Art von Arbeit wir veröffentlichen wollen und welchen Ton wir dafür wählen wollen. Wir wollten Abwechslung und eine bunte Mischung verschiedener Geschichten, die dennoch als Ganzes funktionieren.

Schon in der ersten Ausgabe stehen einige Texte, die sich um Tiere drehen. Die zweite soll überhaupt die Tier-Mensch-Beziehung zum Thema haben. Hast du oder hat deine Kollegin ein besonderes Interesse für Tiere?
Es gibt ja dieses dumme Klischee, dass man Tiere braucht, um einen Menschen für eine Geschichte zu interessieren. Und wir sind tatsächlich auf so viele tolle und seltsame Geschichten gestoßen, die Tiere beinhalten, dass wir einfach eine Themen-Ausgabe dazu machen mussten. Hoffentlich werden wir für die dritte dann aber mal genug von Tier-Geschichten haben!

Würdest du sagen, die Inhalte von Teller sind Journalismus oder Prosa – oder beides?
Manche der Geschichten, die wir veröffentlichen, könnte man als klassischen Journalismus bezeichnen, andere sind ganz klar Prosa, manche sind rein visuell – entweder fotografisch, gezeichnet oder in anderen Medien erzählt. Aber wir sind vor allem auch an Arbeiten interessiert, bei denen diese Grenzen erschwimmen. Sei es Fiktion, die auf waren Geschichten beruht, oder Geschichten, die sich der Konventionen von Journalismus bedienen. Und natürlich an Geschichten, die mit der ungewöhnlichen Kombination von Medien experimentieren – Bilder und Wörter zum Beispiel.

Kannst du uns verraten, wie deine eigene Geschichte entstanden – vom alten Augustine, der noch als Erwachsener mit seiner Mutter wie ein Kind lebte und nie zur Schule gegangen ist oder gearbeitet hat?

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