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CIRCUS
THE BLOGGERS' BOOKAZINE

Ronile 53
Ronile 53

Rosinen picken auf Newsgrape

von Rebecca Sandbichler · geschrieben am 9. Januar 2011 · read this article in English

Youtube für Texte. So erklären die Gründer von Newsgrape das Konzept, mit dem sie – nicht gerade kleinlaut – immerhin den Journalismus revolutionieren wollen. CIRCUS hat beim Wiener Felix Häusler (links) und dem Londoner Leo Fasbender nachgefragt, wie sie so schwierige Angelegenheiten wie das „Kommentare freischalten“ handhaben werden und welche Möglichkeiten sie ihren Usern bieten wollen. Das junge Startup kann man auf der Projekt-Finanzierungs-Seite kickstarter.com auch monetär unterstützen. Wir wünschen viel Erfolg!

Felix, du hast zumindest in deinem Studium mit Journalismus nichts zu tun. Woher kommt deine Begeisterung für diese Branche?
Journalismus betrifft unmittelbar jeden Menschen, der eine Zeitung aufschlägt oder sich Informationen aus dem Netz holt. Auch wenn ich sehr gerne schreibe, sehe ich mich vor allem als Konsument. Als solcher frage ich mich oft wie eine Nachricht ihren Weg bis zu mir zurücklegt, wieviel Wahrheit in ihr steckt und an welcher Informationsquelle ich meine Zeit am besten verbringe. Mich bewegt die Zukunft der Printmedien und des Qualitätsjournalismus, das Phänomen des Bloggings, die heutige Datenflut und auch das Misstrauen gegenüber Nachrichten, das dadurch in der Gesellschaft gewachsen ist. Das sind einige der Themen, die mich seit längerer Zeit beschäftigen und die für mich diese Branche so spannend machen.

Wird Newsgrape eine Redaktion haben?
Eine Redaktion im klassischen Sinne ist nicht geplant. Es bewegt sich eher dahin, dass die Wartung des Systems von Mitarbeitern mit journalistischem Hintergrund übernommen wird, die zum Beispiel interessante Artikel auf der Startseite vorstellen.

Nicht in allem, wo „user generated“ draufsteht ist auch selbstgemacht drin: Wie werdet ihr mit Urheberrechtsverletzungen umgehen?
Text kann man sehr leicht automatisiert vergleichen und damit zum Beispiel das Kopieren von bereits im System bestehenden Inhalten unterbinden. Es wird spezielle Meldeoptionen geben, mit denen man Urheberrechtsverletzungen (als Verlag und als einzelner Schreiber) an uns weiterleiten kann. Im Internet kann man recht leicht feststellen, wessen Text zuerst da war.

Wie werdet ihr das Community Management gestalten?
Man kann jeden Inhalt auf Newsgrape melden, wir werden dann schnellstmöglich versuchen uns der gemeldeten Beiträge anzunehmen. Wird jedoch vor unserem Eintreffen von multiplen Usern der Meldebutton betätigt, verschwindet der Inhalt bereits automatisch. Zusätzlich sind wir große Fans der semantischen Webtechnologien und wollen unbedingt so viel wie möglich damit in Zukunft realisieren.

Auch Blogger sollen durch Newsgrape mehr Leser erreichen. Habt ihr die Plattform bereits aktiv in der Blogosphäre angepriesen – gibt es schon „Überläufer“?
Wir haben sehr viel direkten Austausch mit Bloggern – bei jedem von uns gehen mindestens 20 Mails pro Tag ein, in denen wir Fragen und Anregungen zu Newsgrape bekommen. Wir versuchen viele Ideen noch vor der Pre-Beta umzusetzen. Die Leute merken, dass hier nicht um die Wünsche der Szene herumgebaut wurde. Wenn wir das Funding auf Kickstarter erreichen, werden viele Schreiber von Anfang an dabei sein.

Im Zeit-Artikel sprachst du, Felix, von bis zu 75 Prozent der Einnahmen für die Autoren, in eurem Video war von 60 Prozent die Rede. Habt ihr eure Kalkulation noch einmal überarbeitet?
Ja. Wir haben das Video schon vor längerer Zeit für etwaige Investoren Gespräche produziert. Nachdem wir vor drei Wochen ins Kickstarter-Programm aufgenommen wurden, haben wir fast über Nacht die zweisprachige Konzeptseite dazu veröffentlicht und konnten das Video nicht mehr überarbeiten. Aber wir haben schon vor einiger Zeit mit ein paar Wirtschaftsstudenten in London unser Revenue-Modell darauf ausgerichtet, den Schreibern das Maximum zu bieten – daher die 75%.

Wenn ich heute schon meine liebsten Blogs aus aller Welt im Feedreader habe, welchen Mehrwert bietet mir dann Newsgrape, wo die Auswahl trotz allem ja auf die Plattform begrenzt ist?
Die Auswahl ist nicht auf unsere Plattform begrenzt – Newsgrape besitzt ebenfalls einen Feedreader. Du kannst mit einer Registrierung aber jeden Beitrag kommentieren, abonnieren, favorisieren, dich mit den Schreibern und Lesern austauschen, kannst Magazinen beitreten, das neue System für Kurznachrichten (die sogenannten „Fastnews“) nutzen, eine der besten Artikel-Suchoptionen im Netz verwenden und vom System permanent passenden Lesestoff – nach Qualität sortiert – angezeigt bekommen. Wer weiß, wieviele „liebste Blogs“ sich noch in deine derzeitigen Favoriten einreihen werden..? :)

Ihr wollt Partnern anbieten, Teaser und angerissene Artikel bei Newsgrape einzustellen. Könnte das nicht eine frustrierende Erfahrung für den Leser werden – ständig weggeleitet zu werden?
Tatsache ist, dass die meisten Nutzer von Feedreadern oder Aggregatoren bereits dieses Nutzungserlebnis gewöhnt sind. Das Partnerprogramm ist vor allem für die großen Medienkonzerne gedacht, die ihre Vorgehensweise nicht über Nacht umstellen können – es ist aus unserer Sicht nicht optimal, aber zumindest ein Anfang. Der Großteil des Angebots wird direkt auf Newsgrape abrufbar sein.

Werdet ihr Newsgrape immer auf Texte reduzieren? Oder soll es auch möglich sein, Videos oder Bilderstrecken zu veröffentlichen?
Bilderstrecken sind seit Beginn unserer Entwicklung vorgesehen und werden Anfang 2011 auf jeden Fall ihren Weg ins System finden, Videos wird man dann auch in Artikel einbauen können.

Auf Newsgrape wird es möglich sein „Magazine“ zu gründen. Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben die Verantwortlichen? Und wieviel unterliegt eurem eigenen Algorithmus, der die Beiträge gewichtet? Magazine können sich mit eigenen Bannern, Logos und individuellen Rubriken abheben. In einem Magazin kann man Chefredakteur, Redakteur oder Kolumnist sein. Chefredakteure verwalten das Magazin, nehmen neue Schreiber auf und geben die eingereichten Artikel der Kolumnisten frei. Kolumnisten erreichen nicht nur ihre eigenen Leser, sondern die stetig wachsenden Abonnenten der Magazine, in denen sie Mitglied sind. Der Algorithmus wird die Artikel im System ordnen, im Magazin entscheidet der Chefredakteur aber selbst, was angezeigt wird.

Die Foto-Plattform Flickr ist gerade wegen der guten tagging-Disziplin sehr stark. Wollt ihr das Taggen, Bewerten und Kommentieren irgendwie besonders fördern?
Wir werden mit einem Awardsystem arbeiten, das wir im Frühjahr vorstellen möchten.

Könntet ihr euch vorstellen auch eine Pro-Mitgliedschaft als zusätzliche Finanzierungsquelle anzubieten?
Nein. Wir haben nicht vor, bei den Konsumenten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu erzeugen. Dass es mal ähnlich wie auf anderen Seiten bezahlte „Developer-Accounts“, etwa für Verlagsseiten geben wird, schließen wir aber nicht aus.

Das Werbesystem ist noch eine große Baustelle. Wie plant ihr, das Interesse der Werbenden zu wecken? Werdet ihr mit großen Vermarktern arbeiten? Ein erfolgreiches Newsgrape wird auf Grund des Inhalts einen der besten Werbeplätze des Webs darstellen. Wir haben ein Werbesystem unter dem Arbeitstitel “SYL” in der Mache, dass die klassische Bannerwerbung um ein paar Faktoren reicher machen wird und so die sogenannte “Conversion” um ein Vielfaches erhöhen wird. Da können wir jetzt aber die Karten noch nicht auf den Tisch legen.

Euer Ziel ist auch der Start der Plattform in Amerika. Ist dort das Interesse am Bürger-Journalismus stärker ausgeprägt? Wir denken schon. Auf jeden Fall das Misstrauen gegenüber konventionellen Medien. Die Blogger in Amerika schreiben auch ein wenig mehr an den Printmedien vorbei – in Europa verfolgen viele Schreiber eine Berichterstattung, die den den Printmedien ähnelt.

Momentan arbeitet ihr sichtlich sehr viel. Sieht da eine Fünf-Tage-Woche in einem gesicherten Angestelltenverhältnis nicht auch sehr verlockend aus? Nein :) – Wir arbeiten zwar derzeit 14 bis 16 Stunden täglich, aber haben das Gefühl, etwas voranzutreiben. Die Gewissheit, etwas eigenes auf die Beine zu stellen, das ist nicht zu schlagen! Klar, es gibt auch Menschen, die lieber einen geregelten Rhythmus haben und wissen wollen, was der nächste Tag bringt; da ist unser Motto eher “No Risk – No Fun”.

Ihr habt bereits ein Jahr Arbeit investiert. Was macht ihr am 16. Januar, wenn das nötige Geld auf kickstarter nicht zusammen kommen sollte? Es gibt sicher für alles einen guten Plan B. Um uns aber bis zuletzt für Newsgrape einzusetzen, verzichten wir erstmal darauf.

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