Alle Normen sprengen
Es ist jetzt fünf Minuten vor Mitternacht. Rotes Neon-Licht erhellt den Raum, während das Klappern der Tastaturen durch das zweistöckige Büro hallt. Es ist die siebte Nacht in Folge, in der die Mitarbeiter von Herznote auch lange nach Sonnenuntergang noch im Büro sind. Aus gutem Grund. Morgen wird der Verlag sein erstes Bookazine drucken lassen – ein neues Format, das die besten Elemente eines Buches und eines Magazins kombiniert.
Eigentlich würde man mehr Aufregung vermuten, mehr Panik aufgrund der vielen Last-Minute-Änderungen. Als Josef jedoch mit seinem neugeborenen Sohn das Büro verlässt, lesen sich seine Frau Rebecca und Inga ganz in Ruhe “Das Buch” durch. Während sich Florian und Mary gegenseitig aufziehen und sich entdeckte Fehler vorhalten, angelt sich Anke einen weiteren Text aus dem großen Berg von Artikeln. Eva rührt sich weiterhin nicht vom Fleck, noch nicht einmal, um sich Essen zu holen. Ihre Augen fokussieren einzig und allein den Computerbildschirm. Wenn man die leeren Pizzaschachteln ignoriert, den Teller mit halb aufgegessenem Bruschetta, und die mit Farb- und Kuliflecken überzogenen Arme und Gesichter, würde man meinen, dieser friedliche Zustand wäre die Regel.
Während sich die ganze Welt um die Auswirkungen der globalen Finanzkrise sorgte, war Herznote damit beschäftigt den Mietvertrag für das neue Büro zu unterschreiben, ein zweistöckiger Raum mit Dielenboden, Balken und einer winzigen Küchenecke. Und während die Einnahmen von Printpublikationen zurückgingen, dekorierten sie ihr Büro mit Bildbänden, Design-und Modemagazinen, stellten einen Flachbildfernseher und Sofas auf; und klebten den Spruch “art is masturbation” in großen, roten Lettern an die Wand. Dies ist die neue Generation, eine Gruppe junger, enthusiastischer Unternehmer, die ihre eigene Arbeitsstruktur festlegen.
Aber ist das effektiv?
Das Wachstum der Dienstleistungs- und Informationsbranche in unserer modernen Gesellschaft bedeutet, dass wir immer mehr Zeit im Büro verbringen. Angestellte haben lange für Strukturen gekämpft, die eine gute Work-Life Balance ermöglichen. Firmen wie Google sind für ihre kreativitätsfördernde Arbeitsumgebung bekannt: Massagestühle, Tischtennisplatten, von und für Kollegen organisierte Weinproben und Räume, die immer mit Snacks ausgestattet sind. Da es bei Google funktioniert, könnte diese entspannte Atmosphäre der Schlüssel zur Produktivität sein.
“Ich mag es wie wir die Sachen hier bei Herznote handhaben. Ich kann kommen und gehen wann ich möchte, solange ich meine Arbeit erledige. Ich liebe diese Mentalität”, sagt Inga Schörmann, stellvertretende Chefredakteurin. Jedoch ist Struktur immer noch der Schlüssel zu Effizienz. In einem Umfeld mit lockeren Regeln sind Mitarbeiter mit Verantwortungsgefühl unbedingt notwendig. “Eine zu entspannte Atmosphäre ohne Verpflichtungen macht jeden unzufrieden – manche fühlen sich zu wenig geschätzt, andere stehen uu sehr unter Druck, weil sie nicht wissen, wie sie die Erwartungen ihrer Kollegen erfüllen sollen. Ich finde es toll, dass wir jetzt ein richtiges Büro haben, einen Zeitplan, einen Wochenplaner. Man schreibt ganz selbstverständlich eine E-Mail, wenn man es nicht rechtzeitig zu einem Meeting schafft oder sich verspätet. Das ist ein Zeichen von Respekt gegenüber den anderen, der Arbeit und dem Produkt. Ich denke, wir haben ein ernstes, aber trotzdem liebevolles Arbeitsklima”, sagt Chefredakteurin Rebecca Sandbichler.
Laut Anke Schuhardt, verantwortlich für Presse und Marketing, steigt die Motivation, wenn man sich von der gängigen “9 to 5″ Arbeitszeit löst: “Wenn man seine Arbeit wirklich gerne macht, oder in unserem Fall, sein eigenes Unternehmen führt, macht man sich nichts aus geregelten Arbeitszeiten und wird sowieso länger als acht Stunden arbeiten. Es stört mich nicht, wenn mir ein Blogger eine E-mail schickt oder mich bei Skype anschreibt, obwohl es eigentlich schon später Abend ist. Ich finde es toll, dass man immer in Kontakt stehen kann.”
Für einen jungen Verlag wie uns ist die treibende Kraft für Produktivität nicht das Arbeitsumfeld, sondern die Leidenschaft für das, was wir tun. Für Inga ist es auch die Überzeugung von der Qualität des Produkts: „Keiner würde so viel arbeiten, wenn er nicht hundertprozentig davon überzeugt wäre“. „Wir lieben was wir tun und wir hoffen, das alle anderen das auch so empfinden,” ergänzt Rebecca. “Manchmal wird es wirklich chaotisch und emotional, aber ich denke das ist normal, wenn die Leute, mit denen du arbeitest, deine Freunde sind. Ich würde nicht anders arbeiten wollen – nur gegen einen Tick mehr Struktur und etwas weniger Stress hätte ich nichts.“







